Es ist wieder Montag; der Morgen bricht an. Gerade fällt mir ein, wie ich einer Freundin vor ca 27 Jahren einmal ein Gedicht zeigte, dass ich geschrieben hatte. Damals war ich voll und ganz davon überzeugt, dass ich Dichterin werden wollte. Sie studierte, ich glaube, Germanistik; wir gingen zusammen in die Disco und machten Musik; lateinamerikanische Sachen; zusammen mit einer Ärztin, die immer irgendwelche Unterschriftenlisten dabei hatte und bekennende Kommunistin war.
Ich hatte das ganz vergessen. Aber heute weiß ich es wieder: ihr abfälliges Lächeln und ihr leise gemurmeltes „da fehlt das Maß“ hatten mit einem Schlag alle meine dichterischen Intentionen weggeblasen.
Einige Jahre zuvor, als ich in Peru lebte, genauer gesagt, in Arequpa, arbeitete ich als Deutschlehrerin an einer Einrichtung, die dem Goethe-Institut angegliedert war. Hans Magnus Enzensberger besuchte diesen Ort, weswegen sich dort alle Anwesenden in hellster Aufregung befanden, alle, außer mir. Ich hatte noch nie von ihm gehört. (Ich war ja auch keine „echte Deutschlehrerin“, füge ich entschuldigend hinzu, nur eine Reisende, die Geld brauchte). Er fragte mich, ob wir gemeinsam einen Kaffee trinken könnten. Leider musste ich das verneinen, da ich in einem Viertel wohnte, dass als „gefährlich“ galt, ein Viertel, dass von  Reichen bestenfalls als Armenviertel bezeichnet wurde. (Für  Arme hingegen war es das Viertel derjenigen, die der Armut entronnen waren.)  Vor mir stand ein nicht besonders großer, nicht besonders auffallender Mann mit einem feinen Lächeln und einem Blick, der mir wie aus einer anderen Welt schien. Entweder habe ich einfach nur dankend abgelehnt oder ihm erklärt, dass ich den nächsten Bus nehmen muss, um nicht im Dunkeln fahren zu müssen, ich weiß es nicht mehr. Vielleicht war es auch diese „andere Welt“, die mich verlegen machte, und die mir zu schön schien, um wirklich sein zu dürfen, so dass ich meinem ersten Impuls ungefragt folgte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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