Ich glaube, dass ich seine Vistenkarte ungefähr 15 Jahre lang aufbewahrt habe. Es war wieder eine dieser puren Zufälle. Hätte ich nicht eine Mitbewohnerin gehabt, die mich dazu gebracht hätte, mit ihr ein Konzert zu besuchen, dann hätte ich ihn nicht getroffen.

Alfred Brendel spielte und Günter Wand dirigierte das NDR-Sinfonieorchester.

Wir hatten Platzkarten. Als ich zu meinem Platz kam, sah ich meine Mitbewohnerin im angeregten Gespräch mit einem weißhaarigen Herren in einem grauen Anzug. Es war Lars Gustaffson, der genau hinter uns saß.

Jetzt fällt es mir wieder ein, wie ich reagierte, als er sich vorstellte. Ich strahlte ihm ins Gesicht, dass ich „schon mal von ihm gehört habe“ – welches Buch er denn zum Beispiel geschrieben habe? …  – . Dann behauptete ich noch blitzschnell in altkluger Euphorie,  als er „die Tennisspielerin“ erwähnte,  dass ich das Buch selbstverständlich kennen würde. Ich hatte tatsächlich kurz zuvor ein Buch gleichen Titels gelesen. Ich fürchte, es war nicht von ihm. Ich weiß nicht einmal mehr, ob es von Rita Mae Brown war.

Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich etwas genervt war davon, dass es sehr voll war in der Konzerthalle und die Fraktion der Pausenhuster Mühe hatte, sich auf die Pausen zu beschränken.

Nach dem Konzert blieb Lars Gustaffson noch eine Weile bei uns stehen, erzählte von seinem Hamburger Aufenthalt und schließlich steckte er mir zum Abschied seine Visitenkarte zu; ich solle ihm ruhig mal schreiben. Da ich ziemlich gut im Verdrängen bin, weiß ich nicht mehr, ob ich ihm von meinen dichterischen Ambitionen erzählt hatte. Muß wohl so gewesen sein.

Die Visitenkarte sah sehr verheißungsvoll aus für mich. Schon allein wegen dem Wort „University“.

Austin“, „Texas“ und „D.Phil“ haben mich nicht minder beeindruckt und klang für mich nach ferner Galaxie.

Es war wunderbar, in meinem Portemonnaie diese Visitenkarte zu tragen wie einen Talisman. Manchmal nahm ich sie heraus und schaute sie mir an. Ich sollte ihm mal schreiben, dachte ich dann. Und stellte  mir großartige Sachen vor. Wunderbare Gedichte, mit wenigen Worten und einfacher Sprache. So ungefähr.

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